Abstracts der 18. Jahrestagung 2010 in Freudenstadt

Möglichkeiten und Grenzen einer Intervallrehabilitation bei Erwerbstätigen mit Diabetes mellitus. Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie

Autoren: Dr. Gundula Ernst, Medizinische Psychologie,
Medizinische Hochschule Hannover
Dr. P. Hübner, Klinik Niederrhein, Bad Neuenahr-Ahrweiler

Hintergründe

Die Medizinische Rehabilitation steht vor der großen Herausforderung jahrzehntelang etablierte Denk- und Verhaltensweisen innerhalb weniger Wochen zu verändern. Kurzzeitig ist sie dabei erfolgreich, häufig gelingt es jedoch nicht, die Effekte langfristig zu stabilisieren (Haaf 2005). Seit einigen Jahren wird deswegen dem Thema Nachsorge vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt (Köpke 2005). Durch einen stärkeren Einbezug des Patientenalltags in die Schulungen sowie Follow-up-Angebote, wie z.B. telefonische Nachbetreuung oder sog. Booster Sessions, sollen die Patienten bei der Umsetzung ihrer gesundheitlichen Ziele unterstützt und Effekte verstetigt werden.

Methodik

Das an der Klinik Niederrhein initiierte Forschungsprojekt „Intervallrehabilitation bei Erwerbsfähigen mit Diabetes“ will den Transfer in den Alltag der Patienten durch einen multimodalen Ansatz erleichtern. Schon während des ersten 3-wöchigen Aufenthaltes in der Klinik Niederrhein wurde das Thema „Ziele für Zuhause“ in einem Workshop aufgegriffen. Nach 6 Monaten wurden die Patienten zu einer Zusatzwoche in die Klinik eingeladen. Hier wurden Erfahrungen mit der Umsetzung der Ziele aufgearbeitet, Inhalte aufgefrischt und die Veränderungsmotivation gestärkt. Nach der Rehabilitation und nach der Zusatzwoche wurden die Patienten telefonisch von einer Schulungsschwester begleitet. Diese rief die Patienten regelmäßig an, informierte sich über die Zielerreichung und gab bei Bedarf Hilfestellung.

In einem prospektiven randomisierten, kontrollierten Design wurde untersucht, ob die intensive Nachbetreuung einer Standardrehabilitation hinsichtlich medizinischer (kardiovaskuläres Risiko, Stoffwechseleinstellung) und psychosozialer Parameter (Behandlungszufriedenheit, Lebensqualität) nach einem Jahr überlegen ist.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 411 Patienten in die Studie aufgenommen. Das Patientenkollektiv bestand zu 75% aus Männern und hatte überwiegend niedrige Schulabschlüsse. Das Durchschnittsalter lag bei 50,3 Jahren, die mittlere Diabetesdauer bei 7,1 Jahren. Die Stichprobe zeigte ein ausgeprägtes kardiovaskuläres Risikoprofil. Intervallgruppe und Standardgruppe unterschieden sich initial nicht hinsichtlich wesentlicher Merkmale.

Nach einem Jahr fanden sich für alle Werte hochsignifikante rehatypische „Deckchair“-Verläufe, d.h. kurzfristig deutliche Verbesserungen, langfristig ein Wiederanstieg der Werte. Darüber hinaus zeigten sich signifikante Unterschiede zugunsten der Intervallgruppe bei fast allen psychosozialen Maßen (Krankheitsbewältigung, –akzeptanz, Lebensqualität, subj. Gesundheitseinschätzung). Bei den medizinischen Parametern finden sich bei einigen Subgruppen signifikante Unterschiede. Männer, jüngere Personen, Gesündere und Erwerbstätige profitieren stärker als andere.

Diskussion und Schlussfolgerungen

Die Intervallrehabilitation wird von über 75% der Patienten gut angenommen. Nutzen und Umsetzungsmöglichkeiten der Reha werden von den Teilnehmern signifikant besser eingeschätzt.

Ein nachhaltiger Erfolg zeigt sich bei der Stabilisierung der psychischen Befindlichkeit und beim Umgang mit der Krankheit. Bei den medizinischen Maßen finden sich nur bei ausgewählten Personengruppen signifikante Unterschiede. Bei anderen scheint der Schulung durch die sozial, psychisch und finanziell prekäre Lage Grenzen gesetzt zu sein. Da nicht alle Personen gleichermaßen von den zusätzlichen Angeboten profitieren, scheint ein gezieltes Assessment indiziert.

Es ist zu prüfen, ob und in welcher Form die Intervallrehabilitation in die Regelversorgung übernommen werden kann.

Literatur

Haaf HG. Ergebnisse zur Wirksamkeit der Rehabilitation. Rehabilitation 2005, 44: 259-276.
Köpke K-H. Aufwerten, ausbauen und systematisieren - Eine Analyse von Situation, Reformbedarf und innovativen Projekten zur Nachsorge in der Rehabilitation der Rentenversicherung. Rehabilitation 2005, 44. 344-352.

zurück zur Übersicht

Aktuell

Die 25. Jahrestagung der GRVS wird vom 22. bis 24. Juni 2017 in Bad Neuenahr stattfinden.
"Morbus Crohn / Colitis ulcerosa - 222 Fragen und Antworten für Betroffene und ihre Angehörigen" jetzt in aktualisierter und erweiterter Neuauflage erhältlich.
Bild Arzt