Abstracts der 18. Jahrestagung 2010 in Freudenstadt

Aufbau eines sportlich-aktiven Lebensstils: Das MoVo-Konzept

Autoren: Prof. Dr. Reinhard Fuchs & Anke Stark, Institut für Sport und Sportwissenschaft, Freiburg

In der klinischen Rehabilitation hängt der Erfolg stationärer Maßnahmen oft auch davon ab, dass die Patienten nach der Klinikentlassung ein körperliches Trainingsprogramm dauerhaft fortführen [1]. Befunde aus verschiedenen Studien zeigen jedoch, dass es offenbar nur einem relativ geringen Prozentsatz der Rehabilitanden gelingt, poststationär ein stabiles Sport- und Bewegungsverhalten in eigener Regie aufzubauen. Auf der Grundlage bereits vorliegender Erfahrungen wurde in den letzten Jahren an der Universität Freiburg (Lehrstuhl Sportpsychologie) das Interventionsprogramm MoVo-LISA entwickelt, mit dem der Aufbau eines körperlich-aktiven Lebensstils im Anschluss an eine stationäre Rehabilitation erleichtert werden soll [2, 3]. MoVo steht hierbei für “Motivation” und “Volition”, da sich der Ansatz sowohl auf Motivationstheorien des Gesundheitsverhaltens als auch auf Volitionstheorien der Selbststeuerung bezieht. Das Akronym LISA steht für „Lebensstil-integrierte sportliche Aktivität“.

MoVo-LISA geht von der Erkenntnis aus, dass es vielen Menschen schwer fällt, das, was sie sich vorgenommen haben, auch in die Tat umzusetzen. Auch dann, wenn Menschen hoch motiviert sind, gelingt es ihnen oft nicht, die entsprechenden Handlungen folgen zu lassen. Was diesen Personen fehlt, ist nicht noch eine weitere „Motivierungseinheit“, sondern konkrete Unterstützung bei der volitionalen Umsetzung ihrer Absichten. Mit dem psychologischen Begriff der Volition werden, in Abgrenzung zum Begriff der Motivation, jene Prozesse der Selbstregulation bzw. Selbstkontrolle bezeichnet, die es dem Menschen ermöglichen, auch dann ihre Absicht in die Tat umzusetzen, wenn äußere oder innere Hindernisse auftreten. Das MoVo-Konzept besteht aus zwei Komponenten: Dem theoretischen MoVo-Prozess­modell und der darauf aufbauenden MoVo-Intervention [3]. Im MoVo-Prozessmodell wird angenommen, dass die Initiierung und Aufrechterhaltung eines kontinuierlichen Bewegungs- bzw. Trainingsprogramms im wesentlichen von fünf psychologischen Faktoren abhängig ist, nämlich vom Vorliegen einer starken Zielintention, von einer möglichst hohen Selbstkonkordanz dieser Zielintention, von realistischen Implementierungsplänen für diese Zielintention, von wirksamen Strategien der Handlungskontrolle und Intentionsabschirmung und schließlich von der Existenz positiver Konsequenzerfahrungen mit dem neuen Verhalten [4].

Ziel der MoVo-Intervention ist es, Patienten dabei zu helfen, mit einem regelmäßigen Sport- bzw. Bewegungsprogramm zu beginnen und dieses zu einem festen Bestandteil ihres Alltags zu machen. Während die bisher üblichen Maßnahmen der Patientenschulung fast ausschließlich auf die Motivierung der Patienten durch Information und Aufklärung setzen, geht die MoVo-Intervention darüber hinaus und unterstützt die Patienten dabei, das, was sie sich vorgenommen haben, durch Stärkung ihrer Selbststeuerungskompetenzen auch tatsächlich realisieren zu können.

Methode

Studienteilnehmer waren insgesamt N=220 stationäre Patienten einer orthopädischen Rehabilitationsklinik im nördlichen Schwarzwald. Zur Überprüfung der Interventionseffekte wurden die Patienten der Kontrollgruppe (n=132) und der Interventionsgruppe (n=88) insgesamt fünf Mal um Ausfüllung eines Fragebogens gebeten, und zwar: zwei Wochen vor dem Klinikaufenthalt (Messzeitpunkt t1), am Ende des dreiwöchigen Klinikaufenthalts (t2), sechs Wochen nach der Klinikentlassung (t3) sowie sechs Monate (t4) und zwölf Monate nach der Klinikentlassung (t5). Die Kontrollgruppe durchlief das reguläre Rehabilitationsprogramm der Klinik (usual care), die Interventionsgruppe nahm zusätzlich zum regulären Programm an der „MoVo-LISA-Intervention“ teil.

Die MoVo-LISA-Intervention besteht aus fünf Modulen: dem Ersten Gruppengespräch (am Ende der zweiten Klinikwoche), dem Einzelgespräch (Mitte der dritten Klinikwoche), dem Zweiten Gruppengespräch (Ende der dritten Klinikwoche am Tag vor der Entlassung), der Erinnerungskarte und dem Kurztelefonat (drei bzw. fünf Wochen nach der Klinikentlassung). Jede Gruppe umfasste in der Regel sechs Patienten. Die beiden Gruppengespräche dauerten 60 bzw. 90 Minuten, für das dazwischen liegende Einzelgespräch waren 10 Minuten pro Teilnehmer vorgesehen. Alle drei Gespräche wurden von speziell geschulten therapeutischen Mitarbeitern (Psychologen, Physiotherapeuten) der Klinik geleitet. Die Gespräche erfolgten entlang eines standardisierten Curriculums, mit dessen Hilfe der Gesprächsverlauf inhaltlich und didaktisch vorstrukturiert wird [3].

Im Ersten Gruppengespräch definieren die Patienten ihre persönlichen Gesundheitsziele. Darauf aufbauend entwickeln sie Bewegungsideen, mit denen sie diese Ziele erreichen können. Als Hausaufgabe zum Einzelgespräch ein paar Tage später soll wenigstens eine dieser Bewegungsideen konkretisiert und ein möglichst konkreter Bewegungsplan entworfen werden: Welche Aktivität ist geplant? Wann, wo und mit wem soll sie durchgeführt werden? Dieser Plan wird in den Tagen bis zum Einzelgespräch mit den Sportlehrern, Ärzten oder Physiotherapeuten der Klinik auf seine Wirksamkeit hinsichtlich der persönlichen Gesundheitsziele überprüft. Im Einzelgespräch werden die Entwürfe der individuellen Bewegungspläne kurz besprochen: Hat der Teilnehmer sich eine Aktivität ausgesucht, die zu ihm passen und die er später fest in seinen Alltag integrieren könnte? Ist das Wann, Wo und mit Wem der Aktivität festgelegt? Ist der Bewegungsplan geeignet, die Gesundheitsziele zu erreichen?

Zu Beginn des Zweiten Gruppengesprächs präsentieren die Teilnehmer ihren persönlichen Bewegungsplan den anderen Patienten (public commitment). Anschließend werden die inneren und äußeren Barrieren identifiziert, die die Umsetzung dieser Pläne gefährden könnten (z.B. „innerer Schweinehund“). Im Sinne der Rückfallprävention entwickeln die Teilnehmer für ihre kritischen Barrieren individuelle Gegenstrategien. Nach der Entlassung aus der Klinik wird in einer per Post zugesandten Erinnerungskarte noch einmal an die gefassten Vorsätze und schriftlich ausformulierten Bewegungspläne erinnert.

Das Kurztelefonat zwei Wochen später diente dazu, mit den Patienten darüber zu sprechen, inwieweit es ihnen gelungen ist, ihre Absichten und Pläne in die Tat umzusetzen, wo die Schwierigkeiten lagen und welche Möglichkeiten bestehen, eine an die Alltagswirklichkeit gut angepasste Form des Bewegungs- bzw. Trainingsverhaltens zu realisieren.

Ergebnisse

Zwölf Monate nach der Klinikentlassung (vgl. Abbildung) sind die Teilnehmer der Interventionsgruppe (MoVo-LISA Gruppe) immer noch um durchschnittlich 28 Minuten pro Woche sportlich-aktiver als die Teilnehmer der Kontrollgruppe (p<.001) (ausführlicher: [2] und [4]).

Studien-Ergebnisse MoVo-Konzept

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse zeigen, dass durch das Programm MoVo-LISA ein substanzieller Beitrag zum Aufbau eines körperlich-aktiven Lebensstils nach der stationären Rehabilitation geleistet werden kann. Die Intervention basiert auf einem standardisierten Programm mit detailliertem Curriculum [3], so dass die Reproduzierbarkeit der Effekte in weiteren Anwendungen gegeben ist. Die Ergebnisse konnten mit relativ geringen Kosten erreicht werden: Der Zeitaufwand pro Patient (für die Gruppengespräche, das Einzelgespräch, den Versand der Erinnerungskarte und das Telefongespräch) addiert sich auf circa 60 Minuten. In der Weiterführung dieser Art von Interventionsforschung wird auch darüber zu sprechen sein, wie durch sinnvoll platzierte zusätzliche „Auffrischungseinheiten“ (Booster-Sessions) – etwa im Rahmen der Reha-Nachsorge – die Nachhaltigkeit der anfänglich erzielten Interventionseffekte noch weiter gestärkt werden kann.

Literatur

[1] Fuchs, R., Göhner, W. & Seelig, H. (Hrsg.). (2007). Aufbau eines körperlich-aktiven Lebensstils. Göttingen: Hogrefe.
[2] Fuchs, R. (in press). Long-term effects of a psychological group intervention on physical exercise and health: The MoVo concept. Journal of Physical Activity and Health.
[3] Göhner, W. & Fuchs, R. (2007). Änderung des Gesundheitsverhaltens. Göttingen: Hogrefe.
[4] Göhner, W., Seelig, H. & Fuchs, R. (2009). Intervention effects on cognitive antecedents of physical exercise: A 1-year follow-up study. Applied Psychology: Health and Well-Being, 1 (2), 233-256.

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