Abstracts der 18. Jahrestagung 2010 in Freudenstadt

Essen als Sucht

Autorin: Jutta Hiereth, Klinik Hohenfreudenstadt

Obwohl uns z. Zt. Hungerkatastrophen und Szenarien von Nahrungsmittelknappheit für die wachsende Weltbevölkerung beunruhigen, nimmt in westlichen Gesellschaften das Thema Essen einen Großteil unserer Zeit und unserer Gedanken in Anspruch. Wir sammeln viel Wissen über Kohlenhydrate, Fette, Proteine, Ballaststoffe, Vitamine und Kalorien an – doch je intensiver wir uns mit der Frage „was soll – was darf ich essen“ befassen, desto größer wird die Entfremdung zwischen dem Essen und uns. Vor lauter Wissen was gut, gesund oder gerade angesagt ist, wissen wir nicht mehr, was unsere wirklichen Bedürfnisse und Wünsche sind.

Dabei ist Esslust gut. Es ist nicht nur ein sinnliches, Geborgenheit gebendes Verhalten von allem Anfang an. Das Erlebnis, vom Arm der Mutter gehalten zu werden, zu saugen, zu schlucken, zu schmecken wird dann später auf andere Gegenstände ausgedehnt. Wir stecken alles lustvoll in den Mund, was wir zu fassen kriegen. Wer glaubt, dass sich diese Phase mit dem Heranwachsen gibt, wird von S. Freud eines Besseren belehrt: „Die primitive Gier des Säuglings, der sich aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie in den Mund zu stecken), zeigt sich allgemein als nur unvollständig durch Kultur und Erziehung überwunden. Einfacher gesagt: Die Lust uns etwas einzuverleiben bleibt.

Doch wie gehen wir mit ihr um? Wir wollen sie nicht kennen, versuchen sie zu kontrollieren und zu ignorieren. Das aber rächt sich. Die Gier verkümmert – und mit ihr der Geschmack, die Leidenschaft, die Sinnlichkeit beim Essen. Die Freude am Essen macht Platz: dem Unerfülltsein, dem ständigen Hungergefühl, dem gefährlichen Fressattacken und den noch gefährlicheren Diätphasen. Weil wir auf nichts mehr erwartungsvoll lüstern sein dürfen, leiben wir uns – teilweise verführt durch die Nahrungsmittelindustrie - auf verrückte Weise ein, wonach uns gar nicht gelüstet.

Warum wir essen – was wir essen

Das heißt; Essen bringt Lust und Genuss, Ernährung dagegen ist gesund aber langweilig

Nun kann aber Selbstkasteiung niemandem gefallen. Das heißt Lustfeindlichkeit und Lustlosigkeit machen sich breit. Wer ständig darauf achtet, nur ja das Richtige und nur ja nicht zu viel zu essen, verliert auf Dauer den Geschmack am Geschmack. Er kann weder Nahrung noch andere Genüsse wirklich schätzen.

Wenn das schlechte Gewissen zum ständigen Begleiter am Esstisch wird, verlernt man langsam aber sicher die Fähigkeit, mit allen Sinnen zu leben. Essen ist – wie Sexualität – eine einzigartige Quelle für Genuss und Lebensfreude. Wer sich diese Quelle versagt, wird früher oder später die Freude auch an anderen Genüssen verlieren. Ein freudloser Mensch ist aber niemals zufrieden und deshalb ständig auf der Suche nach Befriedigung. Süchte und Zwänge sind die extremen Folgen dieser Frustration durch Genussunfähigkeit. Also: Es gilt das Genießen neu zu lernen. Denn nur wer beim Essen und mit dem Essen zufrieden ist, der kann es auch in anderen Lebensbereichen sein.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und das gilt auch für das Essen. Doch bei allen Unterschieden ist allen Menschen eines gemeinsam: die Vorliebe für Süßes. Jeder Mensch besitzt Rezeptoren für vier Basisgeschmacksrichtungen – süß, salzig, sauer und bitter. Doch die meisten mögen von Geburt an besonders gern Süßes.

Es gibt auch in der Lerntheorie eine Erklärung für diese Vorliebe – um nicht zu sagen: Sucht
Weil wir als Kinder Schokolade oder andere Süßigkeiten meist zur Belohnung, als Trost, oder als Geschenk bekommen haben, verbinden wir mit ihrem Genuss positive Gefühle. Gleichzeitig war Schokolade in der Kindheit auch ein rationiertes Glück. Die Ermahnung, nicht zu viel davon zu essen und das zugeteilte Stückchen auch zu genießen, kann beim Erwachsenen später zu dem bekannten Heißhunger nach Süßem führen.

Nicht angeboren, sondern „nur“ erworben ist die Vorliebe für Fett. Das hat wohl rein sinnliche Ursachen, weil Fett den Geschmack verstärkt und das Aroma besser transportiert als Kohlenhydrate das können, und es macht eine Speise sowohl cremig als auch fest. Besonders verführerisch in Kombination mit Süßem – Schokolade, Eiscreme, Mousse au chocolat…

Angeborene Geschmackspräferenzen, die im Laufe des Lebens Verstärkung erfahren, nehmen entscheidenden Einfluss auf die Zusammenstellung unseres Speiseplans und reduzieren unsere Bereitschaft Neues aufzunehmen. Aber Geschmackspräferenzen können verändert werden – vorausgesetzt natürlich, man will es. D.h. der Gewöhnungsfaktor beeinflusst unser Essverhalten ganz entscheidend. Das was wir am häufigsten essen, schmeckt uns am Ende auch am besten. Will man also andere Nahrungsmittel oder Gewürze in den Speiseplan aufnehmen, braucht man etwas Geduld und die bewusste positive Hinwendung zu dem neuen Erleben.

Ernährungsforscher bezweifeln nicht mehr, dass man „gute Laune“ essen kann. Die Forschung über „Mood Food“ – Stimmungsnahrung – kam zu folgenden Einsichten.

Kohlenhydrate beruhigen und entspannen, Fett dagegen belastet und macht träge, Proteine aktivieren, Zucker hebt das Lebensgefühl sofort, Auf das Nervensystem wirkende Gifte, wie Alkohol und Koffein können anregend und wohltuend wirken, wenn sie - wie alles - zur rechten Zeit und in Maßen genossen werden.

Wer also in Zeiten des Überflusses ein gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten entwickeln möchte, kann sich nur an der harmonischen Ernährungsweise der Genussesser orientieren:

Nun haben aber auch äußere Faktoren einen Einfluss auf unser Ernährungsverhalten. Der Sozialfaktor besagt, dass in Gesellschaft bis zu 76% mehr gegessen wird. Selbst zu zweit steigt die Menge um bis zu 28%. In Gesellschaft zu essen, tut der Seele gut, man fühlt sich eingebunden und bekommt soziale Unterstützung.

Besonders gut schmeckt das Essen auch, wenn man großen Hunger hat. Das Problem dabei, viele Menschen sind nicht mehr in der Lage zwischen Hunger und Appetit zu unterscheiden.

Der Faktor Abwechslung führt dazu, dass wir über den Hunger essen, wenn die Auswahl unter verschiedenen Geschmacksrichtungen gegeben ist. So verspeisten Menschen in einem Experiment bei einem Vier-Gang-Menu 60% mehr, als wenn sie sich mit nur einer Mahlzeit begnügen mussten. Das verdanken wir dem Bedürfnis nach Geschmacksvielfalt – wir sind z.B. satt von würzigen Speisen, aber immer noch hungrig nach Süßem.

Als Konsequenz sollten wir bewusst darauf Rücksicht nehmen und die Speisenkombination möglichst so zusammenstellen, dass alle Geschmacksbedürfnisse befriedigt werden können.

Inzwischen gilt einheitlich die Meinung, dass es wenig Sinn hat, sich bestimmte Speisen zu verbieten. Essen ist ein wichtiger Quell der Lebensfreude. Diäten und entsinnlichte Speisen machen das Leben ärmer. Es gilt also, die Freude am Essen und körperliches sowie seelisches Wohlbefinden in Übereinstimmung zu bringen.

Nicht alles, was uns schmeckt, tut uns gut; aber vieles, was uns schmecken und unser Wohlbefinden steigern könnte, ist uns nicht vertraut. In diesem Sinne geben die Ergebnisse der Forschung durchaus Anregung zum Experimentieren in der eigenen Küche. Kochbücher und das Überangebot an Kochsendungen im TV geben ja Anregungen genug.

Eine Teilnehmerin einer Studie zum Essverhalten beschrieb das so:
„Es begann als Diät und wurde zum Hobby – nun ist es mein Lebensstil“.

Essstörungen

Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen. Essstörungen sind Erkrankungen mit erheblichen somatischen, psychischen und oft sozialen Konsequenzen.

Essgestört sind Menschen, deren Umgang mit der Nahrung einen unangemessenen Stellenwert in ihrem Leben hat. Essen wird als Problemlösung, als Ersatz für nicht gelebte Gefühle, als Konfliktvermeidung, als Machtmittel, als Strafe, als Trost benutzt. Die Gedanken an Essen – oder seine Vermeidung wie bei der Magersucht – füllen einen Großteil des Tages und der Nacht.

Das gängige Schönheitsideal macht es insbesondere Frauen schwer, mit ihrem Körper zufrieden zu sein und eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führt zu verzweifelten Versuchen, ihn diesem Ideal um jeden Preis anzupassen. Diäten und Schlankheitsmittel können der Einstieg in eine Essstörung sein.

Diäten bringen nur kurzfristige Erfolge. Nur eine genussvolle, vollwertige Ernährung, mehr Bewegung und das Aufdecken der Hintergründe für das übermäßige Essen können zu einer langfristigen Gewichtsreduktion führen.

Diäten machen die Betroffenen zu Kindern, indem sie ihnen die Entscheidungskompetenz nehmen. Sie dürfen nur noch nach Erlaubnis essen und müssen Verzicht üben. Dieser Verzicht gleicht einer Selbstbestrafung. Die Betroffenen leben in zwei Realitäten: entweder zwanghafte Diäten oder zwangloses Fressen. Das Essen wird als etwas feindseliges, verbotenes, eben als „Sünde“ erlebt.

Bulimia nervosa oder Ess-Brech-Sucht

Folgeschäden

Schwellungen der Speicheldrüsen, Zahnschmelzschäden, Speiseröhrenrisse, Magenwandperforationen und Elektrolytentgleisungen (Kalium, Magnesiummangel…)
Folge: Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen.

Auslöser und Ursagen

Vielfältig: Folge einer Anorexie, konflikthafte Trennungen, leistungsorientierte Familiensituationen, Diffusion im Rollenverhalten, sexuelle Übergriffe in der Kindheit, starker Perfektionismus, Erwartungshaltung an Frauen in allen Rollen perfekt sein zu müssen, das moderne Schönheitsideal.

Anorexia nervosa oder Magersucht

Folgeschäden

Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur, was zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung führt. Trockene Haut, brüchige Nägel zeigen hormonelle Veränderungen an, die sich auch im Ausbleiben der Menstruation und im Extremfall auch in einer Veränderung der Körperbehaarung äußern.

Auslöser und Ursachen

Die Magersucht tritt überwiegend in der Pubertät auf, wenn die Ablösung vom Elternhaus geschehen sollte. Häufig ist eine symbiotische Beziehung zur Mutter in der die eine nicht ohne die andere überleben kann. Die Autonomie muss dann auf andere Weise (über Esskontrolle) hergestellt werden. Das Familienklima ist oft scheinbar aggressions- und konfliktfrei. Doppelbödigkeit in den Beziehungen machen es den Betroffenen schwer, ihre eigene Identität auszubilden. Sie können sich nicht auf ihre Gefühle verlassen. Häufig verspüren sie unausgesprochene Trennungswünsche der Eltern, bekommen aber versichert, dass alles in bester Ordnung sei.

BED – Binge Eating Disorder

Folgeschäden

Körperlich: BMI >30 Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Gelenkleiden, Wirbelsäulenschäden, Diabetes)
Seelisch: Resignation, Flucht in Tagträume, Antriebslosigkeit, Depression, Hass auf den eigenen Körper, Vermeidung von Spiegeln, Probleme eigene Grenzen zu spüren.

Ursachen

Häufig liegt schon ein lebenslanges Problem mit Übergewicht vor. Die Erfahrung, mit Essen getröstet, stillgehalten, weg geschoben und belohnt zu werden. Es waren die artigen Kinder, die immer alles aufgegessen und nie rebelliert haben. Sie lernten, dass es besser ist, seinen Kummer wegzuessen, als sich für seine Bedürfnisse einzusetzen. Essen war oft ihr einziger Freund, ihre einzige Lustquelle. Sie erhielten wenig Anregung zur Bewegung, sich etwas zuzutrauen und etwas zu riskieren.

Die Einsicht, Essstörungen als permanente Wiederholung eines untauglichen Problemlöseverhaltens in Situationen, denen man hilflos gegenübersteht, zu verstehen, hilft, die Selbstbestrafung der Betroffenen aufzuheben. Sie erleben sich nicht mehr als unbeherrscht, unzulänglich und unfähig, sondern erkennen, dass ihre Essstörung einen Sinn hat, vielleicht sogar eine Überlebensstrategie ist. Sie lernen, sich und die Dynamik ihres Verhaltens besser zu begreifen.

Ohne Frage, lassen sich bei Essstörungen in der Entstehung und im Verlauf Symptome finden, die als suchtspezifisch gelten. Zudem stehen Essstörungen häufig am Ende einer langen Sucht - Erfahrung. Da der Umgang mit Nahrung täglich erforderlich ist, ist eine Heilung besonders schwer. Immer wieder gilt es, die Auslöser für das Verhalten zu finden. Was ist an dem Abend geschehen? Was würde geschehen, wenn Du diesen Teil deiner Zeit anders füllen müsstest? Welche Gefühle treten vor dem Anfall auf? Wie fühlst Du Dich dabei und danach? Geben Dir diese Anfälle Struktur und Sicherheit? Was gibt Dir sonst Halt? Wer bist Du ohne Sucht?

Diese letzte Frage sollte unbedingt gestellt werden. Häufig ist die Sucht ein Teil der eigenen Identität geworden, die nicht ohne Angst aufgegeben werden kann. Geringe Selbstsicherheit und ein stark – häufig auf den Beruf ausgerichtetes – eingeschränktes Selbstbewusstsein, sowie ein Mangel an Identität finden sich bei essgestörten Personen.

Besondere Schwierigkeiten

Therapeutische Fragestellungen

Hinter dieser Äußerung stecken meist Resignation, Selbstzweifel und Hilflosigkeit. Psychofallen die dazu führen heißen: Motivation – Wunschgewicht - kontrolliertes Essen - körperliche Trägheit.

Solange aber die Motivation nicht auf eigenem Wollen beruht, wird der Erfolg ausbleiben. Das Wunschgewicht sollte dem in der Vergangenheit über ein Jahr bestehenden „guten“ Gewicht entsprechen.

Körperliche Aktivität ist unerlässlich zur langfristigen Gewichtsreduktion. Nur muss man dazu seinen eigenen Bewegungstyp herausfinden und dann ist noch Fantasie erforderlich, wenn regelmäßige Bewegung als selbstverständlicher Bestandteil des Lebensstils etabliert werden soll.

Die Menschen geben alles Mögliche als Grund an, warum sie nicht regelmäßíg trainieren können, vor allem Zeitmangel wird immer wieder genannt.

Ich glaube aber, der wahre Grund ist ein anderer: Sie wollen nicht sinn- und ziellos auf einem Hometrainer strampeln, während zu Hause die Arbeit, die Kinder oder sonstige Aufgaben warten. Kann die sportliche Betätigung mit etwas Nützlichem verbunden werden, ist die Chance hoch, dass man die damit verbrachte Zeit nicht als „Opfer“ empfindet, sondern sie als bestens genutzt erlebt und nicht, wenn die Esssucht bekämpft ist, die Sportsucht sie ablöst.

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Aktuell

Die 25. Jahrestagung der GRVS wird vom 22. bis 24. Juni 2017 in Bad Neuenahr stattfinden.
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