Abstracts der 18. Jahrestagung 2010 in Freudenstadt

Therapie der Adipositas – Was kann die medizinische Rehabilitation leisten?

Autorin: Dr. Bénédicte Jolivet

Mit welchen Erwartungen kommen die adipösen Patienten in die Reha? Was bietet Ihnen die Reha an, um diese Ziele zu erreichen? Anhand von Beispielen aus unserer Klinik wird versucht diese Fragen zu beantworten. Weiter werden im Vortrag die kurzfristigen und, wenn untersucht, die mittelfristigen Ergebnisse dargestellt.

Gewichtsabnahme: Im Rahmen der Rehazielvereinbarung wird mit dem Patient über eine adäquate Gewichtsabnahme gesprochen, unrealistische Vorstellungen seitens des Patienten werden relativiert. Während der Reha wird die Gewichtsabnahme durch die ausgewogene Reduktionskost mit Anleitung und Beratung am Buffet sowie durch tägliche Bewegungseinheiten unterstützt. Eine Gewichtsabnahme von ca. 4kg in 3 Wochen wird nach unseren Ergebnissen durchschnittlich erreicht. Nach einem Jahr ohne weitere Intervention hat ein gutes Viertel der Patienten das Ziel von 5% Gewichtsreduktion erreicht. Durch eine telefonische Nachsorge konnten wir diesen Anteil an erfolgreichen Patienten auf 43% steigern. Zwei Jahre nach stationärer Reha mit Inanspruchnahme einer Nachschulung haben 40% der Patienten dieses Ziel erreicht, ohne Inanspruchnahme dieser Maßnahme nur 17%.

Beschwerden-Besserung: meistens handelt es sich um orthopädische Beschwerden, die durch physiotherapeutische Maßnahmen und physikalische Anwendungen gelindert werden können. 22% der Patienten, die dieses Ziel als sehr wichtig klassifiziert hatten, berichten bei der Entlassung über Beschwerdefreiheit und weitere 56% beurteilen dieses Ziel als teilweise erreicht.

Leistungsfähigkeit steigern: Ausdauer- und Muskelaufbautraining sowie Gymnastik und spielorientierter Sport zielen auf eine Steigerung der Leistungsfähigkeit ab. Nicht Leistungssport, sondern kurze schonende wiederholte Bewegungseinheiten (Spaziergang, Wassergymnastik) sollen adipösen Patienten den Spaß an körperlicher Betätigung und deren Wirksamkeit näher bringen. Die Form und Intensität wird individuell unter Berücksichtigung der kardiopulmonalen und orthopädischen Einschränkungen gesteigert. Die Frage ist, welche Bewegungsarten sich am besten im Alltag integrieren lassen und zu dauerhafter Steigerung der körperlichen Aktivitäten führen.

Risikofaktoren verringern: Raucher-Entwöhungsprogramm, Diabetes- und Bluthochdruck-Schulung, Ernährungsberatung bei Dyslipidämien sind die Hauptangebote, die auf die Reduktion von Risikofaktoren zielen. Die Förderung der Patienten-Motivation, solche Angebote (z.B. Nicht-Raucher-Training) in Anspruch zu nehmen, ist Aufgabe des Reha-Teams.

Erlernen von krankheitsgerechtem Verhalten: Dieses Ziel wird auch allgemein als Kernaufgabe der medizinischen Rehabilitation angesehen. Dazu werden verschiedene Programme angeboten, die die Vorteile des stationären Settings nutzen: Interdisziplinäres Reha-Team, Gruppendynamik, Möglichkeiten der praktischen Übungen (z.B. Lehrküche, Einkaufstraining, Bewegungstherapie), „Ganztagsbetreuung“. Dieses Ziel wird subjektiv am häufigsten erreicht (voll erreicht 50%, teilweise 46%). Die Frage ist, inwieweit der kognitive Gewinn zu dauerhaften Verhaltensänderungen führt.

Stressbewältigung: Allein der Aufenthalt in der Reha wirkt sich stressabbauend aus. Zusätzlich erlernt ein Drittel aller Patienten ein Entspannungsverfahren.

Weiterführende Diagnostik / Behandlung verbessern: Folge- und Begleiterkrankungen können diagnostiziert und Therapien eingeleitet bzw. optimiert werden: Dyslipidämie-Screening, OGTT, Schlafapnoe-Screening, 24-Std. Blutdruckmessung, Belastungs-EKG gehören zu den häufigsten diagnostischen Maßnahmen bei Adipositas. Bei bestimmten Patienten soll auch im Entlassungsbericht eine suffiziente Stellungsnahme hinsichtlich Indikation bariatrischer Chirurgie erfolgen.

Klärung der Arbeitsfähigkeit und Rückkehr in das Arbeitsleben: Die sozialmedizinische Beurteilung wird evtl. mit Hilfe von Leistungstest während der Reha abgegeben. Darüber hinaus stehen Sozialberatungen, die Teilnahme an der sog. Sozialgruppe für Langzeitarbeitslose und die Einleitung einer beruflichen Reha (z.B. Stufenweisewiedereingliederung) als weitere Hilfestellung dem Patienten zur Verfügung. Die hohe Arbeitsfähigkeitrate bei Entlassung (89%) steht allerdings in Kontrast zu den eher negativen Langzeit-Ergebnisse (Hohe Arbeitsunfähigkeitzeiten und Frühberentungen).

Krankheitsbewältigung / Verminderung von Angst und Depression: Auch wenn diese Ziele nur von jeweils 10% der Patienten als „sehr wichtig“ angegeben werden, gewinnt die psychologische Betreuung immer mehr an Bedeutung. Welche Modelle sind erfolgsversprechender? Welche Nachsorge Konzepte könnte die Reha anbieten?

Übergewicht ist als Komorbidität bei Reha-Patienten immer häufiger vorhanden und sollte auch als „Nebendiagnose“ durch gesundheitsbildende Maßnahmen in der Reha angegangen werden.

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